Sag mal, Lara | Ende

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Jackie schaute zu, wie Martin andauernd zur Anlage hinüber ging und das gleiche Lied auflegte. Sie platze fast vor Ärger. Die Musik war schrecklich laut und sie spürte wirklich gar nichts. Wenn er noch einmal sagte, sie solle sich locker machen, würde sie ihn schlagen. Als er dann auch noch anfing zu malen oder zeichnen oder wie er auch immer das nennen wollte…, »kritzeln!«, schrie sie in seine Richtung, er aber keine Notiz von ihr nahm, ging sie wieder zum Glas und nahm sämtliche Kapseln, die noch darin waren. Es waren nicht mehr viele, Martin hatte irgendwann keine Lust mehr gehabt, sie zusammen zu basteln. Sollte er doch das Pulver schlucken, das noch drin war, wenn er noch brauchte! Aber er brauchte ja nicht. Er hatte ja Spaß mit seinem blöden Zeichenblock. Würde sie eben raus gehen, sollte er doch sehen, was er machte, wenn es ihm auffiel. »Wir dürfen uns nicht aus den Augen lassen!«, hatte er immer wieder gesagt und jetzt? Was machte er jetzt? Er malte!
Jackie riss die Haustür auf und eiskalte Luft schlug ihr ins Gesicht. Es hatte angefangen zu regnen. Noch überzeugt gehen zu wollen, trat sie aus der Tür, aber die Regentropfen knallten ihr wie kleine Nadeln mitten ins Gesicht. Sie schrie vor Schmerz. Was um alles in der Welt war in diesem Regen? Sie hielt sich die Hände vors Gesicht. Da packten sie zwei Arme von hinten. Sie schrie wieder.
»Hey, hey, hey, locker Jack, locker!«
Das war Martins Stimme. Wie schön sie klang! Sie ließ sich von ihm ins Haus bringen, zitterte am ganzen Körper. Er sagte viele schöne Dinge, endlich interessierte er sich für sie und jetzt trocknete er mit einem Handtuch ihr Gesicht.
»Wie gut das riecht!«, piepste sie in einem zu hohen Ton, nahm ihm das Handtuch aus den Händen und vergrub ihr Gesicht darin.
Er lachte wieder, sie lachte mit.
»Spürst du es jetzt auch?«, wollte er wissen. Es lief nun klassische Musik und etwas klingelte in Jackies Ohren. Sie lag neben ihm im Wohnzimmer auf einem Schaffell vor einem Kamin und schüttelte den Kopf.
»Machen wir Feuer?« Sie zeigte auf das Holz neben sich.
»Ist dir kalt?«
War ihr kalt? Jackie wartete. »Ich glaube nicht«, meinte sie und wollte weinen.
Martin lachte inzwischen nicht mehr, er machte jetzt ein ernstes Gesicht und erzählte vom persönlichem Empfinden von Kälte oder so was. Jackie lachte böse und nannte ihn »Professor«, woraufhin er unschöne Dinge zu ihr sagte, wie etwa, sie habe kein Hirn. Danach weinte sie und schlief ein wenig oder tat wenigstens so.
 Als sie wieder zu sich kam, umarmte sie ihn in einem Anflug aus Liebe, obwohl er gerade wieder zu zeichnen angefangen hatte. Er ließ Block und Stift fallen und kippte nach hinten, hielt sie fest, nannte sie seinen Engel. Sie freute sich und sah ihn lange an. Er war so schön! Sein Gesicht leuchtete. Irgendwie war sie kurz darauf nackt und er malte mit seiner Zeichenkohle auf ihren Körper. Es war überwältigend!
Nachdem sie sich zum ersten Mal auf das Schaffell übergeben hatte, wurde ihr schon schwindlig. Martin regte sich auf wegen der Kotze, und sie schmiss das Fell so wie es war einfach auf die Terrasse hinaus. Danach war erst mal gut. Er malte wieder, nur die Musik war so laut. Als Jackie noch einmal würgte und erbrach, diesmal in die Küchenspüle, brach sie an Ort und Stelle zusammen.
Als sie wieder aufwachte war es im Haus ganz still und sie lag auf dem Sofa. Ihre Haut juckte, und sie begann sich zu kratzen. Martin war neben ihr auf dem Boden eingeschlafen, inmitten seiner Zeichnungen. Sie war immer noch nackt und hatte Durst. Das Wasser stand auf dem Tisch, der unendlich weit weg zu sein schien. Es juckte alles so. Kalt. Eisig. Durst. Wasser. Angst. Tränen.
Nach was roch es hier eigentlich? Kotze… überall Kotze. Sie sprang auf und schrie als wollte ihr jemand ans Leben.
Martin wachte auf, hielt sich die Ohren zu. »Nimm was verdammt, aber halt jetzt die Klappe!«, schrie er.
Jackie hörte auf zu schreien, zitterte. Martin stand schwerfällig auf, gab ihr Wasser, wandte sich angewidert ab und holte eine Decke, in die er sie wickelte.

***

Am nächsten Morgen ging es ihm besser als er erwartet hatte. Jackie schlief tief und fest neben ihm im rot bezogenen Bett. Martin war froh, dass sie schlief. Ihr Trip war nicht gut gewesen. Sie sollte sich einfach mal ausschlafen.
Ganz vorsichtig kroch er aus dem Bett. Seine Beine waren lang. Ziemlich lang. Er grinste. Gummibeine.
Er ging nach unten ins kleine Klo, um Jackie nicht zu stören. Seine Blase fühlte sich in seinem Bauch wie ein prall gefüllter Schwamm an. Trotzdem musste er nur wenig. Und das wenige war unangenehm. Das mussten die Nachwirkungen sein, er hatte so was gelesen.
In der Küche stank es. Martin hielt sich sein Shirt vor den Mund, bevor er in die Spüle sah. Dort lag noch Erbrochenes. Tapfer stellte er das Wasser an. Dann riss er die Fenster auf.
Nach dem ersten Kaffee wurde er euphorisch, trotz des Gestanks. Er begann, wie ein Verrückter zu zeichnen. Am Nachmittag erinnerte er sich daran, dass er Jackie Frühstück am Bett hatte servieren wollte. Immerhin hatte sie heute Geburtstag. Er beschloss, sie weiter schlafen zu lassen. Ihm selbst ging es gerade nicht besonders, offenbar hatte er sich eine Blasenentzündung geholt. Ständig rannte er zur Toilette, es kamen aber nur wenige Tropfen.
Als Jackie gegen Abend noch immer nicht runter gekommen war, bereitete er ein paar Brote zu und trug sie zusammen mit der Flasche Champagner hinauf ans Bett. Zuerst erschrak er bei ihrem Anblick. Sie lag da wie tot, aber dann bewegte sich ihre Decke leicht in Brusthöhe und er atmete auf.
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!«, schmetterte er in die Stille, aber sie bewegte sich nicht.
Erst nachdem er sie nach zarteren Anläufen geschüttelte hatte, schlug sie schwach die Augen auf und wusste nicht so genau, wo sie war. Martin sagte erneut seinen Spruch auf… Geburtstag und so.
Jackie schaute abwesend. »Lass mich schlafen«, bat sie.
»Musst du nicht mal aufs Klo?«
Sie schüttelte matt den Kopf. Martin gab sich zufrieden und verzog sich zuerst wieder nach unten und später in die Dachkammer, wo er zuerst seine Zeichnungen von gestern und schließlich die Acrylfarben auspackte. Er malte bis tief in die folgende Nacht. Erst als er glaubte, seine Blase breche jeden Moment durch seine angespannte Bauchdecke, rief er seinen Vater an.

***

Jackie Baehr starb an einem Donnerstag, genau eine Woche nach ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag. Es war zwölf Uhr vierundzwanzig und dreiunddreißig Sekunden, als die Luft zum letzten Mal ihren schmalen Körper verließ. Es war ein langer, ein verzweifelter Atemzug und sie tat ihn alleine in einem Krankenhausbett.
Aufgrund ihrer Konstitution, sowie ihrer Drogenvergangenheit fragte sich niemand, wie es zu der Pilzvergiftung kommen konnte, deren Folgen Jacqueline erlag. Und außer dem späten Einschalten eines Notarztes, konnte man ihrem Freund Martin Born nichts anlasten.
Die Polizei hatte ihn mehrfach durch die Mangel gedreht. Solange bis allgemein bekannt geworden war, wessen Spross der Junge war. Dr. Nikolaus Born, ein angesehener Berliner, dessen Geld in diversen Projekten und Veranstaltungen der Hauptstadt steckte, hatte seinen eigenen Anwalt, Andreas Fröhlich, auf den Fall angesetzt. Fröhlich, ein bulliger Rotschopf, der seinem Namen keine Ehre machte, hatte Martin nach nur zehn Minuten aus der U-Haft geholt. Und seitdem fasste man den Jungen nur noch mit Samthandschuhen an. Fazit: Martin war aus der Sache raus.
Wäre Fröhlich nicht gewesen, Martins Gerechtigkeitssinn hätte ihn wahrscheinlich ein paar Jahre seines Lebens gekostet. Er hielt sich für schuldig an Jackies Zustand. Fast wünschte er sich, sein wöchentlicher Gang zur Dialyse, begleite ihn nun sein Leben lang. Aber schon nach wenigen Wochen waren Martins Nieren wieder hergestellt. Kein Andenken war ihm an Jackie geblieben, als er ein halbes Jahr später am Royal College of Arts in London angenommen wurde.

***

Die Tage waren mittlerweile merklich kürzer geworden. Schon um halb vier nachmittags wurde es dunkel. Allen hoffnungsvollen Voraussagen zum Trotz war es jetzt auch kalt. So kalt, dass Lara Jonas eine zweite Jacke besorgen musste. Sie wählte eine Daunenjacke in signalrot, wasserabweisend, winddicht, mit elastischen Bündchen und Kapuze. »Dank der hochwertigen Füllung auch bei Minustemperaturen mollig warm«, hieß es auf dem Etikett. Zumindest war er so der Außentemperatur gewachsen.
Während Jackie noch am Leben und im Krankenhaus war, schien er meist ganz normal. Er dachte wenig an den Zustand seiner Mutter. Nur manchmal saß er da und weinte. Wenn man ihn fragte, was denn mit ihm los sei, antwortete er nur, er wolle bei Lara bleiben.
Sabine Kaiser hatte alles dafür getan, ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Als herauskam, dass Jacqueline Baehr, wenn auch aufgrund ihres zweiundzwanzigsten Geburtstages aus dem Programm ausgeschieden, wieder drogenabhängig geworden war, wollte man ihr das Kind per Gerichtsbeschluss endgültig wegnehmen. Das Ergebnis eines solchen Beschlusses war in der Regel der anschließende Heimaufenthalt des Kindes. Es sei denn, man hatte bereits eine Familie gefunden, die bereit war, dem Jungen ein Zuhause zu bieten. Natürlich musste von dieser Familie ein offizieller Adoptionsantrag mit positivem Bescheid vorliegen.

***

An besagtem Donnerstag, Jackies letztem, schneite es zum erstem Mal in diesem Jahr. Dicke Flocken fielen vom blassgrauen Himmel. Es waren so viele, dass sie wie eine Wand aus Nebel wirkten.
Jonas hatte in der letzten Stunde Musik. Da gab es heute eine Prüfung. Jeder Schüler hatte sich aus der »Mundorgel« ein Lied ausgesucht, das er vor der ganzen Klasse zum Besten geben musste. Jonas hatte »Die Affen rasen durch den Wald« genommen. Er war schrecklich nervös und als die Reihe endlich an ihn kam, konnte er sich nicht mehr an die Melodie erinnern. Er grölte einfach los, die Klasse lachte ihn aus und sein Lehrer machte ein saures Gesicht. Jonas bekam eine vier und war froh, als er draußen war.
Dort erwartete ihn Lara. Ihr Gesicht sah ganz rot verheult aus. Sie putzte sich gerade die Nase und Jonas hatte im ersten Moment Probleme, sie zu erkennen. In dem Mantel mit Pelzbesatz, den sie trug, sah sie ganz dünn und klein aus. Sie war so traurig. Er bekam Angst.
»Warum versteckst du dich hinter der Tür?«, fragte jemand hinter ihm. Es war Herr Schindler, sein Klassenlehrer.
Jonas schüttelte den Kopf. »Da draußen steht Lara und Lara weint. Ich will aber nicht wissen warum.«
Damit drehte er sich um und rannte zum Jungenklo, wo er sich in einer Zelle verbarrikadierte. Hier im »Minisektor«, wie dieser Teil der Schule genannt wurde, gab es keine richtigen Schlösser an den Türen. Es waren große Knöpfe mit einem Hebel dran. Den Hebel drehte man so, dass andere die Tür von außen nicht mehr auf bekamen.
Jonas schloss den Klodeckel, setze sich und zog die Beine an, damit man von unten nicht sehen konnte, dass jemand hier drin war. Hatte er im Fernsehen gesehen. Kurz darauf kam noch jemand ins Jungenklo. Es waren zwei. Jonas hielt den Atem an.
»Jonas?«. Das war wieder Herr Schindler. Seine Stimme klang ganz lieb und freundlich. So als wollte er ihm eine Spritze geben.
Jonas presste seine Augenlider so fest er konnte zusammen. Türen wurden geöffnet. Offenbar suchten die wen. Seine Tür blieb zu.
»Jonas?«, fragte jetzt eine Frauenstimme. Es war die von Lara. »Kleiner Prinz, bitte komm raus.«
Sie war kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen. Jonas konnte es genau hören. Er sagte nichts.
Vor der Tür ging jemand in die Hocke. Man hörte Kleider knistern. Dann fuhr eine Hand durch den Schlitz zwischen Tür und Boden. Laras Hand.
»Prinz«, sagte sie nur. Ihre Stimme klang ganz piepsig.
Jonas nahm all seinen Mut zusammen und fragte in seinem allerbockigsten Ton: »Muss ich jetzt ins Heim?«, und dann direkt hinterher: »Ich will da nicht hin und nach Hause zu Jackie will ich auch nicht mehr, versprich’s mir, Lara!«
Die Hand am Boden wurde ganz schlaff. So wie ein Gesicht, das traurig wurde.
Da klopfte jemand oben an die Tür. »Jonas«, wieder der Herr Schindler, diesmal mit herrischer Stimme, wie einer, der keine Lust mehr hatte die Spritze nur zu halten, »komm sofort raus!« Wieder Klopfen, auch energisch.
Laras Hand am Boden verschwand. Wieder Kleiderknistern. Dann hörte das Klopfen auf.
»Lassen Sie das! Sie machen ihm noch mehr Angst.«
Jetzt klang Laras Stimme überhaupt nicht piepsig. Jonas könnte wetten, der Herr Schindler machte sich gerade in die Hose. Hinter verschlossener Tür streckte er seinem Lehrer leidenschaftlich die Zunge heraus. Draußen befahl Lara Herrn Schindler zu gehen. Der stammelte und gehorchte. Als Jonas die Tür zum Gang ins Schloss fallen hörte, stand er auf und drehte den Hebel, um die Tür zu öffnen. Raus ging er aber nicht. Er setzte sich wieder hin und klebte seinen Blick auf die rot-weißen Kacheln am Boden. Seine Lippen schürzte er so weit er konnte. Sollte bloß nicht glauben, jetzt sei alles gut, die Lara!
»Kleiner Prinz, ich muss dir was Schlimmes sagen«, begann sie.
Es gab allein fünfundzwanzig rote Kacheln in der Zelle, in der er saß! »Muss ich ins Heim?«
»Nein Jonas«, Lara schluchzte laut, holte ein Taschentuch aus ihrer Manteltasche und tupfte sich die Augen, »Jackie ist vor einer Stunde gestorben.«

***

Exkurs XIII: Happy End

[aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie]; http://de.wikipedia.org/wiki/Happy_End

Der Scheinanglizismus Happy End (englisch korrekt happy ending) heißt übersetzt Glückliches Ende, im Sinne von Guter Ausgang.

Im allgemeinen Sinn ist damit jedes positive Ende einer Ereignisfolge gemeint, die auch von Schwierigkeiten und Widrigkeiten geprägt ist oder sein kann. Sinngemäß verwandt wird auch das Sprichwort Ende gut, alles gut.

Der englische Begriff ist durch die Filmkunst in Gebrauch gekommen. Der Begriff Happy End bezieht sich somit ursprünglich auf einen Kinofilm, wird aber auch auf eine Serie, einen Roman oder eine Erzählung wie beispielsweise ein Märchen angewendet. Hier ist der übliche positive Abschluss der jeweiligen Handlung der Erzählung gemeint, insbesondere der Erfolg der Hauptfiguren. Typische Beispiele für Happy Ends sind z. B. Filmschlüsse, bei denen Verliebte ein Paar werden, die Bombe rechtzeitig entschärft wird, der scheue Professor seine Ängste überwindet, die Welt gerettet wird, etc.

In der Filmindustrie wird ein Happy End gern als Dénouement eingesetzt, um beim Zuschauer einen positiven Gesamteindruck des Films zu hinterlassen.

[…]

***

Etwa vier Wochen Tränen und Papierkram später war Jonas künftiger Aufenthalt geklärt. Er würde für immer bei Lara bleiben. Bei Lara und Kai.
Auch wenn dem jungen Paar bisher wenig Schönes zugestoßen war, ihre Beziehung hatte sich gefestigt. Man war gemeinsam durch die schwärzeste aller Weihnachten gegangen, hatte Sylvester zwar im Urlaub, dennoch nicht in Freude verbracht, hatte versucht, einem kleinen Jungen die Tage erträglicher zu machen… alles Dinge, die Menschen zusammenschweißen. Genau wie Sex. Darin hatte Lara inzwischen richtig Übung.
Sie wog jetzt bei einsfünfundsiebzig sechzig Kilo, fast vierzig Kilo weniger als noch im letzten Sommer. Das war, als hätte sie einen kompletten Menschen abgespeckt. Außerdem lief sie seit Jackies Tod unter Anleitung eines Personal Trainers nahezu täglich. Die Bewegung half ihre Gedanken zu ordnen und mit dem fertig zu werden, was seither passiert war. Vor allem die Sache mit Robert.
Zuerst hatte er damit gedroht, sie umzubringen. Als er das nicht konnte, wandte sich sein Hass gegen Kai und Jonas, verpuffte aber schnell. Schließlich wollte er sich selbst etwas antun, doch auch das beruhigte sich. Und dann passierte etwas, dass das Thema Robert endgültig zur Vergangenheit werden ließ.

***

Jonas hatte vor kurzem Freundschaft mit einem Jungen aus dem Vorderhaus geschlossen. Heute früh war er mit ihm und dessen Eltern zum Volkspark gegangen, um dort Schlitten zu fahren. Das verschaffte Lara und Kai die Gelegenheit ihre Beziehung weiter zu vertiefen.
Obwohl es für beide schön gewesen war, beschäftigte Kai die allgegenwärtige Frage. Und so lag er neben ihr im Bett mit in Falten gezogener Stirn.
»Sag mal, Lara«, begann er den Blick nachdenklich zur Decke gerichtet, »darf ich dich mal was fragen?«
Sie atmete auf, als hätte sie darauf gewartet. »Du darfst.«
Er richtete sich umständlich auf, verlagerte sein Gewicht auf den linken Ellenbogen, stützte den Kopf in die gleiche Hand und begann viermal nicht mit dem Sprechen.
»Was ist denn los? Du kannst mich alles fragen, wir lieben uns doch«, munterte sie ihn auf.
Er küsste ihre Stirn. »Deshalb ist das hier so schwierig für mich.«
»Ich weiß, dass dich diese Frage schon seit Wochen beschäftigt, also raus damit.«
»Du weißt, was ich fragen will?«
Lara hatte keine Ahnung.
Kai räusperte sich noch einmal und fasste dann endlich Mut: »Sag mal, war ich dein erster?«
Lara wurde rot. »Was meinst du?«
»Na, du weißt schon, mit dem du geschlafen hast.«
Als sie nicht antwortete fügte er hinzu: »Ich fände das nicht schlimm, nur hättest du es mir einfach sagen sollen, dann hätten wir eben noch gewartet.« Er ließ sich wieder auf die Matratze fallen, plötzlich redselig. »Aber andererseits kann das ja auch nicht sein, weißt du, ich dachte…«
Nun richtete sich Lara auf, legte ihm die Hand auf den Mund. »Ja, bist du.«
Zuerst erschrak Kai über die schnörkellose Bestätigung einer Ahnung. Der Schrecken wich bald Stolz und Liebe. Er sprang auf, setzte sich auf die Knie. »Ich wusste es! Es ist nicht schlimm, mach dir keinen Kopf«, er umarmte und küsste sie, »nur habe ich mich gefragt was dann mit diesem Robert war?«
Lara nickte und wirkte als sei ihr kalt. Also nahm er die Bettdecke und schlang sie ihr um die Schultern. Sie lächelte glücklich und streichelte sein Gesicht. »Ich muss dir dazu was erzählen«, begann sie, »als mein Vater starb, war ich fünf. Ich überlebte den Unfall. Das führte zu einem Nervenzusammenbruch, infolgedessen mich meine Großmutter in eine Klinik hat einweisen lassen. Meine Mutter säuft seitdem, die Geschichte kennst du.«
Kai nickte.
»In dieser Klinik lernte ich einen Jungen kennen. Sein Name war Robert Altmann. Gemeinsam haben wir uns unser Leben zurückgeholt – Robert hatte beide Eltern verloren – und es auch geschafft. Seitdem waren Robert und ich immer zusammen, obwohl wir uns eigentlich nicht wiedergesehen, sondern uns nur geschrieben haben«, sie lachte schallend, »das muss für dich total Psycho klingen, aber so als Kids haben Robert und ich uns eingebildet, wir seien telepathisch miteinander verbunden.«
Kai lachte verständnisvoll und bat sie weiter zu erzählen.
Da wurde Laras Miene traurig. »Leider hat Robert es nicht geschafft, ich meine…«, sie atmete tief, »er hat sich mit fünfzehn das Leben genommen.« Jetzt begann sie hemmungslos zu weinen.
Kai umarmte sie voller Mitgefühl bis sie sich beruhigt hatte.
»Aber in mir«, fuhr sie bald fort, »hat er immer weiter gelebt, weißt du? Er ist, nein, er war ein Teil von mir, die ganze Zeit.«
Kais Herz zog sich zusammen und er biss sich auf die Unterlippe. Er hätte Lara gerne geholfen.
»Wenn ich dir jetzt erzähle Kai, dass ich mich manchmal sogar für Robert ausgebe – nur so vor mir selbst – dann darfst du mich nicht für verrückt halten, hörst du?«
Natürlich hielt Kai Lara nicht für verrückt. Er versicherte es ihr mehrmals.
Sie drückte ihn ein wenig von sich, sah ihm tief in die Augen. »Ich sehe ihn auch manchmal vor mir«, sie nickte, tippte sich mit dem Finger an den Kopf, »dabei ist er nur hier drin!«
Natürlich war er nur da drin. Kai lächelte und streichelte ihre Tränen fort. Sein Herz tat weh vor Liebe.

***

Epilog

Im darauf folgenden Sommer bot man Kai Kubitsch einen lukrativen Job in München an. Er spielte mit dem Gedanken ihn anzunehmen, umso mehr als just zur rechten Zeit der Dachausbau von Laras Münchener Stadthaus fertiggestellt worden war. Es handelte sich dabei um einen Wohntraum auf gut dreihundert Quadratmetern mit weitläufiger Terrasse und weiter ausbaufähig.
Lara hatte bereits zum Schuljahreswechsel ihre Kündigung eingereicht. Was sie künftig beruflich tun wollte war noch unklar, da sich ihre Kunst jedoch schneller verkaufte, als sie produzieren konnte, sah sie darin kein Problem.
Für ihre Berliner Wohnung fand sie trotz anhaltender Wirtschaftskrise bald einen Käufer. Es war ein Investor aus dem Ausland, er bezahlte sehr gut, das dreifache von dem, was Lara Anfang der Neunziger gezahlt hatte.
Aber das Beste von allem stand ihnen noch bevor: Um der alten Freundschaft willen, plante Robert Altmann, Kais Tochter Nora gegen Ende des Jahres in die Familie zu integrieren.
Ihm war noch nicht klar, wie er Mariella Adams beseitigen wollte, aber wie wir ihn kennengelernt haben, würde schließlich im Leben niemand herausfinden, dass ihr schrecklicher Unfall keiner war.

***

Ende.

 

So. Das war’s.
Danke für dein Interesse, deine Geduld und Aufmerksamkeit! Wenn dir der Roman gefallen hat, würde ich mich freuen, wenn du dir – quasi als Anerkennung – das eBook kaufen würdest. Ich stecke das Geld gleich zurück in die Katz. Vielen Dank!

 

Sag mal, Lara als eBook auf NeobooksSag mal, Lara

eBook Roman von Jasmin Schneider

So kann es nicht weiter gehen! Der Mann, dessen Geliebte sie ist, will seine Frau nicht verlassen, die Hänseleien der Schüler und Kollegen werden immer dreister, und die Anzeige auf der Waage erreicht bald das Maximum. Wie soll Lara so jemals Mutter des kleinen Jonas werden? Ganz klar, es muss sich etwas verändern. Unwissentlich unterstützt durch einen Unbekannten, beginnt für Lara eine mörderische Diät.

Sag mal, Lara gibt es für Kindle, Tolino, das iPad und auf anderen Readern bei Amazon, im iTunes Store, auf Bücher.de, auf neobooks.

 

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